Jungfrauenmord oder romantische Fantasien? (3) 

''Reiher und Strandlaufer trippelten scheu zur Seite, dann und wann raschelte es im Ufergebüsch. Sonst herrschte eine Totenstille, und nur die Tritte der blossen Füsse im feuchten Sand, das leise, kaum hörbare Zischeln und Rascheln der unzähligen tierischen Bewohner dieser von Menschen und höheren Tieren gemiedenen unwirtlichen Region, der unzähligen Arten von Krebsen, Mollusken und Würmern, die im Schlamm und Sand oder an deren Oberfläche leben, drangen noch an das Ohr. Endlich erblickten wir die ersten Palmen im fahlen Mondlicht, deren Blätter im kühlen Nachtwind rauschten. Längs der Sandbank, die das Ufer umsäumt, setzten wir nunmehr den Weg fort; beim ersten Grauen des Morgens hatten wir Bangu erreicht. Hier blieben wir einen ganzen Tag und eine Nacht, denn erschöpft waren wir bis zum Äussersten. Meine Jungen, die zu allem noch mein Schlafzeug und den Proviant getragen hatten, fielen sogleich, ohne erst zu essen, in Schlaf. Der folgende Tag brachte uns bis Sarira. Jetzt sah ich den Augenblick gekommen, Meru ins Verhör zu nehmen über das, was ich im Geisterhaus gesehen hatte. Bisher hatte ich weder mit den Papua noch mit meinen Jungen ein Wort über das Geschehene, noch über den Feuerkult gesprochen. Es war meine Absicht gewesen, Meru nach Merauke zu nehmen, um ihn bei einer günstigen Gelegenheit unter vier Augen über das im Geisterhaus Gesehene und den Kult auszufragen. So viel war mir klar geworden, dass bei der Abhaltung der Rapa-ceremonien, die früher immer einmal im Jahr erfolgte, stets ein Mädchen getötet und aufgefressen wurde, nachdem die versammelten Männer und Junglinge ihre sinnlichen Lüste an ihr befriedigt und es vielleicht zu Tode gemartert hatten. Die Knochen in den beiden Paketen verrieten ausnahmslos, dass sie im Feuer gelegen hatten, und Messermarken waren ebenfalls deutlich sichtbar. Dass aber bei den Zeremonien tatsächlich auch Feuer gebohrt wurde, bewiesen die langen, rot bemalten Feuerquirle und das Holz mit den eingebrannten Bohrgruben. Nachdem wir von Sarira abmarschiert waren, machte ich mit Meru an einer Stelle im Busch Rast. Meine Jungen waren mit den Lasten vorausgegangen. Nun begann ich Meru über meinen Besuch der Geisterhutte und alles, was ich dort gesehen hatte, zu erzählen. `Ich weiss alles', sagte ich, und bange zu sein brauchst du nicht, denn ich werde das Geheimnis niemand verraten. Ich weiss, dass vor allem die Frauen und die Fremden nichts wissen dürfen. Der Mayo-Kult ist mir wohlbekannt, vom Sosom weiss ich alles. Ich werde dir von anderen Kulten berichten, wenn du mir vom Rapa noch einiges erzählst, und als Belohnung kriegst du zwei grosse Messer.` – Und nun begann Meru zu erzählen, erst schüchtern und verlegen, dann rückte er allmählich mit dem eigentlichen Geheimnis heraus. Meine Ahnung hatte sich bestätigt. Die Zeremonien sind im Grunde genommen nichts anderes als eine symbolische Vorführung der Mythe von der Entstehung des Feuers. Durch den Begattungsakt der Dema war das Feuer entstanden. Das in Kopulation befindliche Paar konnte sich nicht mehr trennen. Von Gelieb, im aussersten Westen, wo sich die beiden vereinigt hatten, trug man sie auf einer Bahre nach Kondo, im aussersten Osten. Hier, unweit des Flüsschens Sendar, wurde eine geräumige Hütte gebaut, und die beiden, Mann und Frau, wurden auf die Pritsche gelegt. Einst kam ein Dema, namens Aramemb, und versuchte die beiden zu trennen. Er zog und schüttelte sie hin und her. Doch was geschah'? – Plötzlich entstand Rauch, Flammen schlugen züngelnd empor, im Nu stand die Hütte in Flammen! Alles eilte herbei, um das grässliche Wunder zu sehen. Nun hatten sie Feuer und verstanden es zu bereiten. Es war ein Geschenk der Götter (der Dema); dieses kostbare Gut dürfte in keinem Fall mehr verlorengehen. Daher musste alljährlich wenigstens einmal das Feuer wieder auf dieselbe Weise bereitet werden, wie es zum erstenmal durch die Dema entstanden war. Dies ist der Grundgedanke der Zeremonie, die, wie oben gesagt, eigentlich nur eine symbolische Vorführung der Mythe ist. Orgien finden statt; ein von den Alten bestimmtes Mädchen, das der Totemgruppe des Feuers angehört, wird von den versammelten Männern und Junglingen missbraucht und dann noch lebend in ein Feuer geworfen, das die Alten durch Quirlen mit langen, rot bemalten Stöcken bereitet haben... Ein Kannibalenmahl bildet den Abschluss der Feier. Die Knochen werden rot bemalt und zu den anderen in das Bündel gesteckt. Dieses Bündel selbst versinnbildlicht den Dema. Andere Knochen werden auch am Fusse junger Kokospalmen vergraben, um ihre Fruchtbarkeit und ihren Ertrag zu erhöhen. Der Kopf aber wird präpariert und verwahrt und dient, wie die Trophäen der Kopfjagden, zur Namengebung eines Kindes. 



In Jahre 1995 war ich in Kondo und habe mich bei einem alten Mann erkundigt, ob er von einem heiligen Ort am linken Ufer der Sendar wußte. Er war sehr erstaunt, das ich von diesem Ort erfahren hatte. Wir sind dahin gelaufen und ich habe dort einige Zeichnungen gemacht. Eine dieser Zeichnungen habe ich später für dieses Bild gebraucht.'' 
 

Landkarte ------ zurück ------ Fragen?

index book

start